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Abnehmen: Kicken gegen die Kilos

Übergewichtige Menschen für Sport begeistern? Das ist oft nicht so einfach. Es sei denn, sie dürfen im Stadion ihrer Idole selbst Fußball spielen. Ein Projekt für Fans
von Diana Engelmann, 08.01.2018

Besonderes Sporterlebnis: Im Stadion des favorisierten Fußballteams trainieren

W&B/Dominik Asbach

Schauplatz BayArena, Trainingsstätte des Fußballclubs Bayer 04 Leverkusen. Sporttaschen über den Schultern, steigen mehrere Männer die Treppen hinunter in die Kabine, in der sich normalerweise Profi-Kicker umziehen. Einer witzelt: "Jetzt stellen wir unsere Sachen ab, und dann geht’s rüber zu McDonald’s!" Die ­anderen lachen.

Die 17 Männer haben alle einen Bauchumfang von mehr als 100 Zentimetern, einen Body-Mass-Index (BMI) von mehr als 28 und sind über 35 Jahre alt. So lauten die Voraussetzungen, um am Vorsorge-Programm "Fußballfans im Training" teilzunehmen, einem Sportprojekt für Übergewichtige, das bisher zehn Bundesligavereine anbieten.

Den Idolen ganz nah: In der Umkleidekabine von Bayer 04 Leverkusen

W&B/Dominik Asbach

Staunen in der Umkleidekabine

Die Männer ziehen sich um, reden durcheinander. Sie alle sind Bayer-Leverkusen-Fans, kennen sich teilweise schon von den Spielen. Ein Trikot fliegt durch die Luft. "Schau mal, das ist von Aránguiz!" Bei der letzten Partie gegen Herta BSC hatte der Fan die Flagge von Chile geschwungen. Am Ende habe ihm der chilenische Spieler Charles Aránguiz sein Trikot zugeworfen, berichtet er stolz.

In der Kabine wundern sie sich darü­ber, dass manche Fußballprofis so klein und dünn sind. Das Shirt von Aránguiz könnte einer Frau passen, meinen sie. Die Männer hier wiegen alle zu viel. Sind mögen zwar Fußball – aber eher von der Tribüne aus oder vor dem Fernseher. Als jemand Schuhe mit Stollen verteilt, sagt der 50-jährige Guido: "Das sind die ersten in meinem Leben."

Vorbild: Schotten nehmen fünf Kilo ab

Die Idee, übergewichtige Fußballfans zum Sport zu motivieren, indem sie in den Vereinsstätten ihrer Mannschaft trainieren dürfen, stammt aus Schottland. Entwickelt hat das Konzept die Uni Glasgow, seit 2010 läuft das Programm, 43 Profi-Vereine sind beteiligt – mit großem Erfolg.

Im Schnitt nahmen die Teilnehmer fünf Kilo ab und konnten ihr neues Gewicht auch ein Jahr nach Ende des Trai­ningsprogramms halten. Das zeigt eine wissenschaftliche Studie, veröffentlicht im Fachjournal The Lancet.

Praxis und Theorie: Das Programm umfasst auch ein Ernährungscoaching

W&B/Dominik Asbach

Trainingsziel Prävention

Hier in Deutschland haben das Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) in Kiel und die Deutsche Krebshilfe die Idee aufgegriffen. Denn Übergewicht erhöht unter anderem das Risiko für Tumore. Bei uns scheint das Konzept aus Schottland ebenfalls aufzugehen. "Über die Vereine Männer zu finden, die mitmachen wollen, klappt prima", sagt Projektleiter Matthis Morgenstern vom IFT-Nord.

Hans-Dieter zum Beispiel, mit 78 Jahren der älteste Teilnehmer in Leverkusen. Aufgrund einer schweren Krankheit hat er viel zugenommen, und jetzt sollen die Pfunde wieder runter. "Spaß allein reicht nicht. Du musst es wollen. Richtig wollen", sagt er. Und Hans-Dieter will. Für das Training hat er sich die Fußballschuhe seines Enkels ausgeliehen.

Kicken plus Kalorien zählen

Oder Daniel (41). Er hat sich eine App auf sein Handy geladen, mit der er abrufen kann, wie viele Kalorien und Fette Lebensmittel enthalten. "Mir hilft es sehr herzukommen", sagt er. Sechs Kilo in acht Wochen hat er abgenommen. ­"Ohne dass ich mich besonders quälen musste – das motiviert!" Allein darauf zu achten, was er isst, und Kalorienreiches wegzulassen, hat bei ihm – in Kombination mit Bewegung – die Pfunde schwinden lassen.

Das Programm, zwölfmal 90 Mi­nuten pro Woche, besteht nämlich nicht nur aus ­einem praktischen Teil, sondern auch aus einem theoretischen. Dort lernen die Männer zum Beispiel, die Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen richtig zu lesen. Oder dass Wurst deutlich mehr Fett enthält als gekochter Schinken. Oder dass ein halber Liter Bier genauso viele Kalorien hat wie die gleiche Menge Cola.

All das vermittelt ihnen Trainer Kai. Normalerweise kümmert sich der Coach für Sporternährung bei Bayer 04 Leverkusen um die Jugend. Als Kai in die Kabine kommt, begrüßen ihn die Männer: "Der Capo, hallo!"

Sportwissenschaftlich begleitet

Beim ersten Treffen werden Blutdruck, Gewicht, Körperfettanteil, BMI und Bauchumfang gemessen. Auch überprüfen die Teilnehmer mit einem Schrittzähler, wie viel sie sich im Alltag bewegen – und versuchen das im Lauf des Programms zu steigern.

"Wer einen Blutdruck von mehr als 160 hat (systolischer Wert), benötigt eine Bescheinigung vom Arzt, dass er trainieren darf", so Projektleiter Morgenstern. Nach sechs Treffen sowie zum Abschluss werden die Werte erneut erhoben. Die Gruppe in Leverkusen etwa hatte nach der Hälfte des Programms gemeinsam bereits 43 Kilogramm abgenommen.

"In zwölf Wochen fünf Prozent des Körpergewichts zu verlieren und das neue Gewicht langfristig zu halten, ist das Ziel", sagt Morgenstern.

Mehr Informationen zu "Fußballfans im Training": www.fussballfansimtraining.de

Vorbereitung: Aufwärmen vor dem Spiel

W&B/Dominik Asbach

Sieger des Herzens

Nach der Theorie geht’s auf den Platz. Das Wetter ist schön, die Luft nur ein wenig frisch. Zum Aufwärmen drehen alle im Dauerlauf ihre Runden um den Rasen. Jeder, so schnell er eben kann. Moritz zum Beispiel macht langsam. Der 35-Jährige hat einen Fersensporn, da muss er sehen, was bei ihm geht.

Mittlerweile ist die Sonne unter­gegangen, Flutlicht-Strahler erhellen den Platz. Die Männer schwitzen, spielen jetzt in drei Teams gegen­einander. Kleines Feld, jeweils vier Minuten, Hin- und Rückrunde. Keiner muss sich hier einen dummen Spruch gefallen lassen, weil er etwas mehr auf die Waage bringt.

Spaß am Spiel

Ob sich jemand überwinden musste, heute zum Training zu kommen? "Nein, gar nicht", sagt Luigi. "Ich freue mich auf jeden Donnerstagabend." Er will an sich arbeiten, an seiner Form, seiner Gesundheit, deshalb ist er hier. Bei ihm zu Hause steht ein Ergometer im Keller. "Das will ich jeden Tag 20 Minuten nutzen, das ist mein Ziel", erzählt der 49-Jährige.

Bisher hat er diesen guten Vorsatz nicht realisiert. Was aber nicht so schlimm ist, schließlich kommt Luigi jeden Donnerstag zum Training in die BayArena. "Es macht mir richtig viel Spaß", sagt er. Sein Team hat dieses Mal nicht gewonnen, er nimmt es sportlich. "Wir sind die Sieger des Herzens."

Mit Leib und Seele

In Leverkusen wird der Kurs schon zum zweiten Mal angeboten. Einige Männer sind auch bereits zum zweiten Mal dabei. Vielleicht hätten sie selbst nicht geglaubt, dass ihnen das Training so viel Freude macht. Aber wenn einer Fan ist, dann mit Leib und Seele. Und das Programm richtet sich eben nicht nur an den Körper. Dort zu kicken, wo auch die Idole ihre Spiele bestreiten: Das motiviert.



Bildnachweis: W&B/Dominik Asbach

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